• Zurückgeblättert: Apolos Raketenstart

22 Jahre Shorttrack bei Olympia − ein guter Grund für »Maos Heatbox«, einmal zurückzublättern und ein paar Geschichten aus der olympischen Historie auszugraben. Los geht’s mit einem Mann, der im sportlichen Sinne tatsächlich olympische Geschichte mitgeschrieben hat und vielleicht weiter schreibt: Apolo Anton Ohno. Doch der untenstehende Text, der hiermit zur Lektüre empfohlen wird, erschien, noch bevor das weißgott aufregende Kapitel Ohno bei Olympia begann. Es ist die Übersetzung einer Reportage von S. L. Price aus »Sports Illustrated« vom 5. Februar 2002 − drei Tage vor Beginn der Olympischen Winterspiele von Salt Lake City. Warnung: Der Text ist lang (aber spannend)!

Apolos Raketenstart (»Launch of Apolo«)

Er pfeift auf das Image vom olympischen Goldjungen, und doch könnte Shorttracker Apolo Ohno (USA) der größte Star der Winterspiele werden

Von S. L. Price, Sports Illustrated (5 Feb 2002)
Deutsch von Matthias Opatz

Da kommt er daher, ein Lümmel durch und durch, mit einem beiläufigen Gähnen gleitet er Schritt für Schritt übers Eis. Da kommt er, jener Amerikaner, der Salt Lake City wahrscheinlich mit einer Handvoll Medaillen verlassen wird, und läuft dem Feld hinterher, mit seiner Gelassenheit seine Trainer aus der Fassung brigend: »Beweg Deinen Arsch nach vorn! Zisch ab!« Kann er beschleunigen, die Lücke finden, die Finten der anderen durchschauen? Wird er stürzen, so wie neulich in einem Vier- Runden-Zeitlauf, als er auf beiden Ellenbogen und einem Knie über Eis schlitterte, sich aber wieder aufrappelte und weiterlief? Oder wird er gegen die Bande kreiseln? Da kommt er daher, die langen Haare unter den Helm gestopft, die Schlittschuhe mit Glitter besprüht. Könnte Euch so einer begeistern?

Hier kommt der 19jährige Apolo Ohno, dessen Name begnadetes Talent und Heidenärger zugleich verheißt. Hier kommt der nächste Olympiaheld Amerikas – wenn er nicht gerade den Super-GAU von 1998 wiederholt, und wenn er nur den Medienrummel aushält, eine von Nike gezündete, von IMG betankte und von NBC geschmierte Maschinere. Hier kommt er daher, der sich mit bis zu 55 Sachen in die Kurve legt, eine ganze Sportart im Schlepptau, die nur wenige Amerikaner kennen und um die sich noch viel weniger kümmern. Er ist nicht irgendjemandes fixe Idee von einem kleinen, süßen Winter-Star. Normalerweise werden Winterspiele in allseits beliebten Sportarten abgehalten, Norman Rockwell könnte sie alle gemalt haben. Hauptgewinne – Werbeverträge, Goldmedaillen oder lebenslange Beliebtheit – sind dort eigentlich nur Athleten aus den kommerzialisierten Sportarten Eiskunstlauf, Ski-alpin und Eishockey vergönnt, selbst die Eisschnelllaufgötter wie Eric Heiden, Bonnie Blair oder Dan Jansen konnten den Charme der Beschaulichkeit des Mittelwestens nie ablegen.

Und nun kommt dieser Ohno, einen Diamanten im Ohr und eine Skandalwolke hinter sich. Er ist ein ernsthafter Anwärter auf vier olympische Goldmedaillen – über 500, 1000 und 1500 Meter sowie mit der 5000-m-Staffel. Es macht gar nichts, dass Shorttrack erst seit 1992 olympischen Weihen zuteil werden. Es ist ein aufregendes Spektakel, das Gegenstück zum Roller-Derby. Nie hatte ein Amerikaner die Anarchie auf der 111-Meter-Runde besser im Griff als Ohno, Vizeweltmeister im Mehrkampf 2001* und Sieger des Weltcups der Vorsaison. »Wenn in seinem Kopf alles stimmt, ist er nahezu unschlagbar«, sagt US-Auswahltrainerin Susan Allis.

Der Kopf allerdings ist Apolos verwundbare Stelle. Er lässt sich leicht ablenken, was noch geschmeichelt ist, denn er ist ein Meister darin. Sein Vater Yuki, ein aus Japan stammender Friseur, hat ihn allein aufgezogen, nachdem Yukis Ehe mit Apolos Mutter, der Amerikanerin Jerrie Lee, gescheitert war und sich ihre Wege trennten. Apolo, das Schlüsselkind, ließ sich mit einer Clique von Tagedieben und straffälligen Jugendlichen ein. »Diese kriminelle Energie«, sagt Yuki, habe ihn wie ein Feuer ergriffen. Die Schule hat er hingeschmissen, weil seine Freunde Schule nicht cool fanden. Ein früherer Trainer erzählt, dass Apolo einmal behauptet hat, in eine zünftige Schießerei verwickelt gewesen zu sein, aber Ohno bestreitet das, er zieht es heute vor, seine Vergangenheit in Nebel zu hüllen. Und gern schließt er seine Sätze mit der üblichen Teenager-Floskel »Was soll’s?« Wird er nach seiner Mutter gefragt, die ihn verließ, als er ein Jahr alt war, zuckt er nur mit den Schultern. Er wisse nur wenig über sie und gibt vor, mehr auch nicht wissen zu wollen. Sein Vater haut in die gleiche Kerbe. »Es gibt nichts über sie zu erzählen«, sagt Yuki, »rein gar nichts. Es spielt keine Rolle für das, was er heute ist. Wir haben das ohne sie geschafft.«

Es gibt da aber noch etwas, das keine von Apolos Biografien erwähnt und in keiner all der Stories steht, die seit 1997, als er mit 14 Jahren der jüngste US-Meister aller Zeiten wurde, über ihn geschrieben wurden. Er hat noch einen Halbbruder. Als die Rede darauf kommt, stutzt Apolo, und sagt schließlich, sein Bruder sei doch »fast zehn Jahre älter« und habe keinen Anteil an seinem Aufstieg. Auf die Frage, ob sein Bruder auch in Seattle wohnt, meint Apolo: »Keine Ahnung. Sie werden ihn auch nicht finden.« Gefragt, ob er überhaupt mit ihm spricht, sagt Apolo: »Im Moment nicht.«

Das erzählt er, während wir zusammen in einer Cafeteria im Olympia-Trainingszentrum in Colorado Springs sitzen, Wochen nach seinem alles überragenden wie umstrittenen Auftritt bei den US-Olympiaausscheidungen und Monate vor der größten sportlichen Herausforderung, die die Welt kennt. Er ist Spitzenklasse, und das allein hat er dem Willen und der Sorge seines Vaters zu verdanken. »Es war sonderbar«, sagt Yuki über die ersten Jahre, in denen er Apolo allein großzog, »ich hatte keine Ahnung, wie man das überhaupt macht.«

Es war übrigens nicht das erste Mal, dass Yuki gesellschafliche Konventionen übertrat. Anfang der 70er Jahre rebelliert der Sohn des Vizerektors einer Universität gegen den akademischen Lebensstil in Tokio, in den er hineingeboren wurde, er brach mit seinen Eltern und wanderte in die USA aus. Nachdem er dort ein Studium abgebrochen hatte, entschloss er sich, Friseur zu werden und lernte im Vidal-Sassoon-Haarstudio in London. Er reiste quer durch Europa und nach New York, und nahm an Schaufrisieren teil. 1980 eröffnete er in Seattle seinen Salon »Yuki’s Diffusions«, heiratete Lee, beednete sein Vagabundenleben und wurde sesshaft.

Er hatte aber von nichts eine Ahnung. Er und Lee trennten sich 1983 (warum, wollte Yuki nicht sagen), und sie vereinbarten, so sagt es jedenfalls Yuki, dass der kleine Apolo besser bei seinem Vater aufgehoben ist, obwohl dieser einen 12-Stunden-Arbeitstag hat und keine Verwandten, die ihm hätten helfen können. Er verlor den Kontakt zu seinen Freunden und Kollegen. »Es war nichts mehr wie vorher«, erzählt Yuki, »ich war mit Windelwechseln beschäftigt. Ich gehörte gar nicht mehr dazu. Kinder sind dort kein Thema, über das man spricht.«

Manchmal war Apolo in Tagespflege, manchmal musste er hinten im Laden sitzen und zusehen, wie sein Vater wäscht und schneidet. Kunden erinnern sich noch daran, wie der kleine Junge einmal im Halloween-Kostüm, als es dunkel wurde, ungeduldig darauf wartete, dass sein Vater endlich den Laden zumacht und sie beide Gespenster spielen konnten. Alles mögliche hat Yuki ausprobiert, um Apolo zu beschäftigen: Chor, Schwimmen, Rollschuhlaufen – aber Apolo war ein Satansbraten. Einmal kletterte er bei der Tagespflege über den Zaun und ließ sich Dreck und Steine schmecken. Mit acht ließ er sich nichts mehr vorschreiben, was er nach der Schule zu machen hatte, er ging und kam, wann er wollte. Seine Schule war für ihre Rowdies berüchtigt: Kerle, die stolz auf ihre Zeit im Jugendstrafvollzug waren und ausheckten, die Toilette in die Luft zu sprengen. Seine Nachmittage verbrachte Apolo allein, oder, was noch schlimmer war, mit Typen um die 20, während er selbst noch keine 13 war.

Mit 13 war Apolo am Wochenende kaum noch zu Hause, er blieb in den Häusern seiner Kumpels hängen, wo sie die Nächte durchmachten. Da half auch kein Sport. Er hatte aber kaum seine Inliner gegen Schlittschuhe eingetauscht und sich in jenes Gerangel der Shorttracker gestürzt, das er bei den Winterspielen 1994 im Fernsehen gesehen hatte, schon gewann er drei Meistertitel seiner Altersklasse. Yuki chauffierte ihn überallhin, nach Kanada oder bis Chicago hinüber, immer in der stillen Hoffnung, Erfolg könnte Apolo aus diesem Umfeld herausreißen. Pustekuchen! Yuki und er gerieten immer öfter in Streit, und Yuki drohte seinem Sohn an, ihn in eine Kadettenschule zu stecken. Dabei konnte Yuki verstehen, wie Apolo von diesen Tagedieben in ihr schmutziges Leben hineingezogen werden konnte. »Dad wusste doch gar nicht, was für ein Abschaum diese Typen wirklich waren«, sagt Apolo, »einer von ihnen stand jede Woche in der Zeitung wegen der Häuser und Autos, die er ausgeraubt hat. Die schießen Leute über den Haufen oder stechen sie ab – wenn sie gerade mal nicht im Gefängnis sind.«

1995 sah Patrick Wentland, zu dieser Zeit Eislauf-Sichtungstrainer am Olympia-Trainingszentrum in Salt Lake City, Apolo bei den JWM-Ausscheidungen in Saratoga Springs laufen. Wentland war beeindruckt von der für sein Alter ungeheuren Kraft des Jungen, und Yuki, dem das Interesse des Trainers nicht entgangen war, roch den Braten. Er fragte Wentland, ob er den noch nicht einmal 14jährigen Apolo in sein Trainingszentrum aufnimmt, obwohl das Mindestalter eigentlich 15 Jahre beträgt und er dann 2800 Meilen von Zuhause weg wäre.

Noch nie war jemand in diesem Alter ins Trainingszentrum aufgenommen worden, doch Wentland setzte sich, in Absprache mit dem Olympischen Kommittee der USA, unheimlich für den Jungen ein. Er wäre ganz bestimmt nicht so hartnäckig gewesen, hätte er auch nur geahnt, dass Apolo selbst null Bock darauf hatte. Im Juni 1996, ein paar Wochen nach Apolos 14. Geburtstag, ließ ihn Yuki am Eingang zum Flughafen von Seattle allein. Am erstbesten Münzfernsprecher war aber schon alles wieder über den Haufen geworfen. »Ein Anruf – und schon war ich wieder draußen«, erzählt Apolo, »ich hatte mir das schon vorher genau ausgedacht. Papa meinte, er wüsste am besten, was gut für mich sei, Gehorsam nämlich. Da steht er ganz in der asiatischen Tradition, er schwört auf Strenge. Aber ich war jetzt 14 und dachte überhaupt nicht daran, irgendetwas zu tun, das irgendjemand sagt. So bat ich einen Freund, mich abzuholen und bin abgehauen.«

Nach einer Woche, die Apolo im Haus eines Freundes verbrachte, während Yuki zu Hause vor Wut kochte, weil ihn Apolo zwar anrief, aber nicht sagte, wo er war, und Wentland sich wunderte, was dem Jungen zugestoßen sein mag, für den er alles riskiert hatte, spielte Yuki seine letzte Trumpfkarte aus. Er rief seine Schwägerin, die Schwester seiner Ex-Frau, in Portland an und flehte sie an zu kommen und seinem Sohn ins Gewissen zu reden. Beeindruckt von der offensichtlichen Verzweiflung seines Vaters kam Apolo wieder nach Hause. Da war er aber noch lange nicht bei Wentland. »Ich habe ihn buchstäblich am Schlaffittchen gepackt und ins Flugzeug gesetzt«, sagt Yuki, der den ganzen Flug über nicht von seiner Seite wich. Nachdem sie in Lake Placid angekommen waren, erschreckte Yuki Wentland mit der Versicherung, Apolo werde sicherlich dieses oder jenes Kunststück versuchen, um aus dem Trainingszentrum auszubüchsen. Yukis letzte Worte zu Wentland waren: »Viel Glück!«

Apolos erster Monat in Lake Placid war ein glatter Flop. Das Training interessierte ihn kaum, und wann immer Wentland einen Fünf-Meilen-Lauf zum See anführte, scherten Apolo und sein Kumpel aus dem Läuferfeld aus und duckten in einer Pizzeria ab. »Wie ich das dort gehasst habe!«, erzählt er, »ich habe mit niemandem geredet. Ich wollte von niemandem Hilfe annehmen. Andererseits dachte ich, okay, so schlecht bist Du ja nicht auf dem Eis, Dad geht einem nicht den ganzen Tag auf den Wecker, ich bin jung und kann doch machen, was ich will.«

Ihm ging alles am Arsch vorbei – bis zu jenem Tag im August, als Wentland die Ergebnisse der Körperfettanalyse der Trainingsgruppe austeilte. Apolo – oder »Chunky« (Grobian), wie er gerufen wurde – kam auf den letzten Platz. »Das hat ihn gewurmt«, erinnert sich Wentland, der 1999 zum US-Nationalcoach aufsteigen sollte, »er kam zu mir rauf und sagte: “Ich will nicht der Fetteste sein! Ich will nicht der Langsamste sein! Ich will der Beste sein!’” Er war wie ausgewechselt. Von diesem Tag an wollte er jede Trainingseinheit gewinnen. Ich habe noch nie jemanden sich so schnell verwandeln sehen. Dieser Zustand hielt sogar dann noch an, wenn er sich mal nicht wohlfühlte und eigentlich nicht gut laufen konnte. Wenn er aber sicher war, dass er gewinnen konnte, dann konnten all die anderen den besten Tag ihrer Karriere erwischen – er bezwang sie alle.«

Diese Entschlossenheit, verbunden mit Apolos Gabe, für jede der sich ständig ändernden Rennsituationen den passenden Schlüssel zu haben, scheint das Rezept für seinen schnellen Aufstieg nach ganz oben zu sein. 1997, Apolo war noch keine 15, gewann er die amerikanischen Meisterschaften ausgerechnet in einer Sportart, in der man eigentlich erst jenseits der 20 sein volles Leistungsvermögen erreicht. Er schien dazu berufen, bei den Winterspielen 1998 in Nagano für Schlagzeilen zu sorgen. Sobald er aber zu Hause in Seattle war, hing er wieder mit seiner alten Clique von Unruhestiftern herum und überwarf sich mit seinem Vater, und die Aussicht, in Nagano das amerikanische Shorttrack-Team anzuführen, war eine Last, die er nicht trug. Mit zu wenig Training und zuviel Gewicht, völlig ausgebrannt, landete er bei den US-Olympiaausscheidungen auf dem 16. Platz (von 16!) und war völlig am Boden, als er Lake Placid verließ. »Ich wußte nicht, ob ich ihn jemals wiedersehen würde«, sagt Wentland.

Yuki und Apolo flogen zusammen nach Seattle zurück, aber anstatt nach Hause zu gehen, fuhren sie zweieinhalb Stunden westwärts zu einer Hütte, die Yuki in einem abgelegenen Nest an der Küste, Iron Springs genannt, gemietet hatte. »Überschlaf das lles mal«, hatte Yuki dort gesagt, »wenn Eislauf wirklich nicht das ist, was du machen willst, dann sag mir Bescheid.« Dann fuhr Yuki wieder davon, Apolo für eine ganze Woche dort zurücklassend − ohne Fernsehen, ohne Telefon, ohne Auto, nur mit dem Nötigsten, mit dem grauen Meer, mit Dauerregen − und seinem eigenen Zorn und seiner Kopflosigkeit.

Apolo begann zu laufen, ohne Schuhe, über den steinigen Strand oder entlang einer schmalen Straße ganz in der Nähe. Unter einem seiner Füße wuchs eine ansehnliche Blase, aber er machte weiter. Nach einigen Tagen, Regen prasselte gnadenlos auf ihn nieder, blieb er plötzlich in seinen Fußspuren am Strand stehen. Was ist mit mir los, fragte er sich. Ihm wurde klar: Will er nicht wie seine Freunde in Seattle in der Gosse landen, muss er sein Leben und seine Shorttrack-Karriere einfach ernst nehmen. In dem nicht nachlassenden Regen holte er noch einmal tief Luft und lief weiter.

Im Jahr darauf wurde Ohno wieder US-Meister. Von da an wurde er immer besser, wurde Amerikas große Hoffnung im Eisschnelllauf. Freilich, Heiden, Blair und Jansen haben auf dem olympischen Thron auch eine Menge Aufmerksamkeit erregt, »für unseren Sport konnten aber wir nie Kapital daraus schlagen«, sagt US-Speedskating-Präsident Fred Benjamin. »Heiden hat sich gleich in sein Medizinstudium gestürzt (nachdem er 1980 fünffacher Olympiasieger geworden war), Bonnie hat hin und wieder was für uns getan, aber eben nur hin und wieder. Und Dan macht sein eigenes Ding, meistens für den Wohlfahrtsverein seiner Schwester. Wir brauchen jemanden zum Anfassen.«

Sicherlich haben auch die Auftritte im Eishockey und Eiskunstlauf ihr Schärflein dazu beigetragen, den Mantel des Vergessens über das glorreiche Kleeblatt des amerikanischen Eisschnelllaufs zu breiten. »Das ist eine sterbende Sportart«, sagt Wentland, »wenn Apolo in Salt Lake ein großer Wurf gelingt und dabei seine Persönlichkeit rüberbringt, erregen wir Aufsehen mit einem Volltreffer.«

Was allerdings einen schalen Beigeschmack haben dürfte. Bei den US-Olympiaausscheidungen im Dezember gelang Ohno tatsächlich ein großer Wurf, und er sorgte für jede Menge Aufsehen – allerdings mit den falschen Dingen. Eine Woche, nachdem er zusammen mit seinem Freund Shani Davis einen Geländewagen zu Schrott gefahren hatte, drückte er die Konkurrenz dermaßen an die Wand, dass auch nur eine Niederlage ein Stirnrunzeln auszulösen vermochte. Nachdem er mit Leichtigkeit durch die ersten sieben Rennen marschiert war, die Endläufe über 500 und 1500 Meter gewonnen hatte, wurde Ohno im 1000-m-Finale nur Dritter – eine Niederlage, die, so sagen es die beteiligten Shorttracker Tommy O’Hare und Ron Biondo, ein gar zu durchsichtiges Geschenk für Davis war, der gewann und sich nur dadurch als sechster Läufer für das Olympiateam qualifizierte. O’Hare warf Ohno und Rusty Smith vor, das Rennen heimlich abgesprochen zu haben, und auf dem Weg zu den Winterspielen entartete der Sport zum Schauplatz mannschaftsinterner Anfeindungen – Smiths Verleumdungsklage gegen O’Hare und ein Schiedsverfahren wären um ein Haar mit dem Ausschluss Ohnos aus dem Olympiateam zu Ende gegangen.

Jedenfalls entschied ein Schlichter am 24. Januar, dass es nicht genügend Beweise für einen Schuldspruch gibt. O’Hare zog seine Anschuldigungen zurück, Smith seine Klage gegen ihn. Ohno beharrte darauf, dass er sich deshalb in dem Rennen zurückgehalten hätte, um keine Verletzung zu riskieren, aber es gibt da auch die Aussagen dreier Läufer, die eine solche Rennabsprache zufällig mit angehört haben wollen, und den Schiedsrichter Jim Chapin, der die Unregelmäßigkeiten im 1000-m-Endlauf bezeugt hat, so dass dunkle Wolken Ohno nach Salt Lake City folgen. »Ich bin sehr froh darüber, wie die Sache ausgegangen ist«, sagte Ohno, »ich wusste immer, dass die Wahrheit am Ende siegt. Ich war einigermaßen besorgt, weil ich mit der Angelegenheit ziemlich viel Training eingebüßt habe und mich nicht konzentrieren konnte, aber jetzt liege ich wieder voll im Plan.«

Nun also kommt Apolo Ohno in seinen Sport und in das Räderwerk, das auf ihn angewiesen ist. Er ist ein Leuchtturm für die von NBC ins Auge gefasste junge Zielgruppe der Extrem- und Funsport-Fans, der TV-Sender will alle Aufmerksamkeit auf ihn lenken, auf einen Winterliebling, wie es keinen zweiten geben kann. Vor nicht allzulanger Zeit kam schon einmal so ein Staubwirbel aus dem Nordwesten, als jemand der größten Rivalin aufs Knie schlug. Doch wenn Nationalhelden so nötig sind wie jetzt in den Zeiten des fahnenschwenkenden Patriotismus, soll es auf einen Fehltritt nicht ankommen.

»So gut wie ich laufen kann − das ist einmalig«, sagt Apolo, »sich selbst an eigenen Haaren aus dem Schlamassel zu ziehen wie ich, das ist einmalig. Meine Beziehung zu meinem Vater so wieder hinzukriegen, das ist einmalig. Ich bin zufrieden mit dem Weg, den mein Leben eingeschlagen hat, dem Weg, wie ich als Mensch gewachsen bin. Eislaufen hat mich umgekrempelt. Mir wurden viele Chancen gegeben, und endlich ist die Zeit, selbst zu glänzen.«

Das sieht Yuki genauso. Gerade auch, weil die Verbindung zwischen Vater und Sohn immer brüchig war, aber nie brach. Mit allem, mit jeder Auseinandersetzung, jedem der langen Alleingänge, wurde Apolo sicherer, den Bogen nicht zu überspannen. Nach alledem lässt er Yuki wieder seine Haare schneiden. Dad hat seine Scheren bei jedem Wettkampf im Koffer.

»Am Ende stehe ich immer im Badezimmer und mache ihm die Haare«, sagt Yuki, »neulich wollte er sie länger haben, aber ich habe sie einfach abgeschnitten.«


*) gegenüber Sports Illustrated berichtigte Angabe
Originalquelle: Sports Illustrated

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