Manche Sportart wären froh, hätte sie nur zehn Prozent der Spannung und Dramatik, die so ein Shorttrack-Wettkampf mit sich bringt. Selbst als ausführlicher Berichterstatter bleibt einem nur, viele interessante Details wegzulassen. Das eine oder andere aus Mladá Boleslav sei hier aber noch ergänzt.
EM-Pechvogel
Die deutschen Shorttracker hatten zwar auch einige Male Fortuna nicht an ihrer Seite, den Titel „Pechvogel der EM“ bekommt aber wohl Kateřina Novotná. Die Erwartungen an die Europameisterin von Dresden 2010 und Lokalmatadorin (sie stammt aus einer Kleinstadt unweit von Mladá Boleslav) waren hoch. Sie war das Motiv der Plakate und Flugbätter, und in der lokalen Presse erschien ein ganzseitiges Porträt. Vielleicht waren sie zu hoch. Im Finale der ersten Distanz stürzte Novotná selbstverschuldet. Im Halbfinale der zweiten wieder. Und auch auf der dritten Distanz büsste Novotná ihre Chancen durch Sturzm ein – diesmal allerdings hatte eine Konkurrentin eine Aktie dran. Im Superfinale musste sie zusehen, weil ihr wegen des Sturzes am Freitag ein einziger Finalpunkt fehlte.
Stürze unvermeidlich
Auch wenn sie im Reglement nicht vorgeschrieben sind: Stürze gehören zum Shorttrack, sie passieren eben. Wichtig ist, dass sie so glimpflich wie möglich ausgehen. Dafür sorgten in Mladá Boleslav auch die Matten. Und die waren eine Leihgabe aus Dresden. Die Stadt hatte vor drei Jahren Matten mit hohen Sicherheitsstanddards angeschafft und auf Anfrage nun ins benachbarte Böhmen ausgeliehen. „Ich konnte mich bei meinem Bandencrash im 1000-m-Halbfinale davon überzeugen, dass die Matten gut abpolstern“, meinte Priebst. Und schob nach: „Trotzdem leg ich es nicht darauf an, das noch öfter auszuprobieren.“
Verletzungsausfälle gab es bei diesen EM nur wenige, und keinen ganz ernsten. Allerdings betraf es drei bekannte Sportler. Während der Europameister 2011 Thibaut Fauconnet nach einem Freitagsturz einen Tag aussetzte und am Sonntag wieder auf dem Eis war, mussten gleich zwei Briten die EM abbrechen. Jon Eley verletzte sich den Fuß bei seinem Sturz im 500-m-Endlauf, hofft aber schon beim Weltcup in Moskau wieder dabei zu sein. Ähnlich Elise Christie, die sich im 1500-m-Finale die Hand verstauchte. Gute Besserung!
Debatte um Rennabbruch
Laut Regel wird ein Rennen neu gestartet, wenn sich schon vor dem Scheitelpunkt der ersten Kurve (im Ergebnis des Starts) ein Sturz ereignet. Im 1000-m-Semifinale hatten sich alle vier Halbfinalistinnen bei einer Rangelei in der Kurve längs aufs Eis begeben – allerdings auf der letzten Runde. Christin Priebst hatte sich als Zweite aufgerappelt, und der Endlauf war greifbar. Doch da ertönte ein Pfiff, dann ein Schuss – das hieß: Rennabbruch und Neustart. Priebst: „Als ich den Schuss gehört hab, dachte ich nur: Neiiiiin! Keine Ahnung, warum sich der Schiri plötzlich doch zum Abbruch entschlossen hat.“
Uwe Rietzke wusste es. Der Dresdner Shorttrack-Kampfrichter war als Zuschauer dabei. „Eine Läuferin hatte sich mit den Kufen in den Matten verhakt und steckte fest“, sagt Rietzke, „das ist eine Gefährdung für die nachfolgenden Läufer.“ Allerdings: Es konnten keine Läufer mehr kommen (letzte Runde). Rietzke: „Aus genau dem Grund hätte das Rennen in der Situation laufen lassen. Aber ich will den Referee in Schutz nehmen, denn er muss sofort entscheiden und hat vielleicht in dem Moment daran nicht gedacht.“
Fanblock aus Sachsen
Neben den einheimischen Fans für „Katka“ (Kateřina Novotná) waren die deutschen Fans die lautesten in der leider nur mit ein paar Hundert Zuschauern gefüllten Halle. Vor allem Dresdner Fans hatten den Weg nach Mladá Boleslav nicht gescheut. Nach einigem Pech konnten sie am Ende wenigstens eine Bronzemedaille feiern.
Herrmanns guter Ruf in der Szene
Als die niederländische EM-Mannschaft nach der Siegerehrung im Eisstadion noch eine kleine feierliche Mannschaftssitzung abhielt, würdigte KNSB-Sportdirektor Arie Koop die guten Leistungen der „fliegenden Holländer“ – doch plötzlich fiel neben Jorien ter Mors Name der von Paul Herrmann. Ter Mors hat den Paul Herrmann gegeben, als sie auf der Zielgeraden des Staffel-Finales die italienische Schlussläuferin Arianna Fontana noch abfing. Selbiges hatte Herrman kurz zuvor mit Semjon Jelistratow gemacht – und bei anderen Wettkämpfen zuvor schon mit manch anderem. Die Endkampfqualitäten des Dresdners sind unter Shorttrackern also schon sprichwörtlich, so wie einst das Glück von Stephen Bradbury.
MDR hat sich ins Zeug gelegt
Die EM-Tage hatten eine vergleichsweise starke Fernsehpräsenz in Deutschland, die Staffel-Endläufe wurden sogar live übertragen. Dafür hatte der MDR im Auftrag der ARD ein 20-köpfiges Team nach Mladá Boleslav entsandt, das sich mächtig ins Zeug legte. Mit Franziska Schenk, Marita Schröter, Bodo Boeck und Michael Drevenstedt an der Spitze versuchten sie die Sendezeit und die Aufgrund des Snowboard-Ausfalls in Garmisch kurzfristig als Nachschlag zugeteilten Minuten vielseitig und informativ zu füllen. Drevenstedt: »Das ist es ein spannender und spektakulärer Sport, der es eigentlich verdient hat, öfter übertragen zu werden.«
Shorttrackerin Josephine Meschnik (EV Dresden), die aufgrund ihrer Bänderverletzung leider zuhause bleiben musste, gab ein positives Urteil über die Übertragungen ab: »Es kam richtig viel, und ich ich fand die Reportagen echt gut. Das hatte ich ehrlich gesagt nicht erwartet! Klar waren ein paar kleine Irrtümer dabei, aber sowas passiert einfach.« Hier die Beiträge zum Ansehen (sie sind voraussichtlich nur noch ein paar Tage abrufbar):
- Shorttrack-TV-Beitrag vom Sonnabend, 1. Teil
- Shorttrack-TV-Beitrag vom Sonnabend, 2. Teil
- Shorttrack-TV-Beitrag vom Sonntag
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